Was ist Earned Value Management (EVM)?
Earned Value Management (EVM) — zu Deutsch auch als Earned-Value-Analyse (EVA) oder Fertigstellungswertmethode bekannt — ist eine Projektmanagement-Methodik, die Leistungsumfang, Termin und Kostenkontrolle in einem einzigen Messsystem integriert. Anstatt Kosten und Terminstatus getrennt zu betrachten, beantwortet EVM die entscheidende Frage: „Bekommen wir das, wofür wir bezahlen?"
Ursprünglich in den 1960er Jahren vom US-Verteidigungsministerium für Rüstungsprojekte entwickelt, hat sich EVM zu einem globalen Standard entwickelt, der in Branchen wie Bauwesen, IT, Luft- und Raumfahrt, Ingenieurwesen und Behörden eingesetzt wird. Es ist ein Kernbestandteil des PMBOK® Guide und ein Pflichtthema für die PMP®-Prüfung.
Das Problem, das EVM löst
Herkömmliche Projektberichte haben zwei große blinde Flecken:
- Nur Kostenberichte: „Wir haben 500.000 € von 1 Mio. € Budget ausgegeben." Dies zeigt Ihnen, wie viel ausgegeben wurde, sagt aber nichts darüber aus, wie viel Arbeit tatsächlich geleistet wurde.
- Nur Terminberichte: „Wir sind im 6. von 12 Monaten." Dies zeigt den Zeitstatus, aber nichts über die Kosteneffizienz oder den tatsächlichen Arbeitsfortschritt.
EVM löst dieses Problem durch eine dritte Dimension: den Earned Value (Fertigstellungswert) — den budgetierten Wert der tatsächlich geleisteten Arbeit. Durch den Vergleich von Geplantem, Geleisteten und Ausgaben liefert EVM ein vollständiges, objektives Bild des Projektstatus.
Die drei Kernmessungen des EVM
| Kennzahl | Kürzel | Was sie misst | Berechnung |
|---|---|---|---|
| Planwert (Planned Value) | PV | Budgetierter Wert der geplanten Arbeit bis heute | % geplant × BAC |
| Fertigstellungswert (Earned Value) | EV | Budgetierter Wert der tatsächlich geleisteten Arbeit | % tatsächlich × BAC |
| Istkosten (Actual Cost) | AC | Tatsächliche Ausgaben bis heute | Summe aller angefallenen Kosten |
Praxisbeispiel: Wie EVM funktioniert
Ein Straßenbau-Projekt mit einem BAC von 1.000.000 € und einer Laufzeit von 10 Monaten. Nach Monat 5:
- PV = 500.000 €: Geplant war 50 % der Straße fertigzustellen
- EV = 400.000 €: Tatsächlich wurden 40 % fertiggestellt
- AC = 480.000 €: Tatsächliche Ausgaben: 480.000 €
Terminabweichung (SV) = EV − PV = 400.000 − 500.000 = −100.000 € (Terminverzug)
CPI = EV ÷ AC = 400.000 ÷ 480.000 = 0,833
SPI = EV ÷ PV = 400.000 ÷ 500.000 = 0,800
EAC = BAC ÷ CPI = 1.000.000 ÷ 0,833 = 1.200.000 €
Vorteile von EVM
- Frühwarnsystem: Probleme werden bei 15–20 % Projektfortschritt erkannt — viel früher und günstiger zu beheben
- Objektive Messung: Beseitigt das „Endlos-90%-fertig"-Syndrom
- Präzise Prognosen: EAC = BAC/CPI ist eine der zuverlässigsten Kostenprognosemethoden
- Integrierter Überblick: Ein Dashboard zeigt gleichzeitig Kosten-, Termin- und Prognosestatus
- Transparenz: Macht die Projektleistung für Auftraggeber und Stakeholder sichtbar
Einschränkungen von EVM
- Erfordert solide Planungsdisziplin (guter PSP, kostengeladener Terminplan)
- SPI wird gegen Projektende unzuverlässig (konvergiert immer zu 1,0)
- Fertigstellungsgrad kann bei Wissensarbeitsprojekten subjektiv sein
- Aufwand möglicherweise nicht für sehr kleine Projekte gerechtfertigt
EVM im PMBOK® Guide
Das PMBOK 6. Auflage behandelt EVM im Wissensbereich Projektkostenmanagement, insbesondere im Prozess „Kosten steuern". Es identifiziert EVM als primäre Technik für die integrierte Kosten- und Terminleistungsmessung und definiert vier EAC-Formeln, das TCPI-Konzept und die Abschlussabweichung (VAC).
→ Zum kostenlosen EVM-Rechner